Wenn Ausbildungsvereine die Verlierer sind
von Andre Wünsche
Ich möchte hier einmal sehr persönlich etwas loswerden, weil mich diese Entwicklung wirklich beschäftigt und weil sie für mich inzwischen auch Konsequenzen hat.
Wir sind ein Verein, der mit viel Herzblut Jugendarbeit macht. Wir investieren Zeit, Energie, Wochenenden, Trainingseinheiten, Gespräche, Geduld und Vertrauen in junge Spielerinnen. Wir begleiten sie über Jahre, sehen ihre Entwicklung, erleben Rückschläge, Fortschritte und irgendwann auch den Moment, in dem sie bereit wären, Verantwortung im eigenen Verein zu übernehmen.
Und genau deshalb tut es weh, wenn solche Spielerinnen dann gehen.
In der vergangenen Saison haben wir eine Spielerin verloren, die bei uns den Schritt in die erste Frauenmannschaft hätte gehen sollen. In dieser Saison verlieren wir erneut eine Spielerin, die unserer ersten Mannschaft noch mehrere Jahre hätte helfen können. Natürlich kann und will ich keiner Spielerin vorwerfen, wenn sie eine persönliche Entscheidung trifft. Jede Spielerin darf ihren Weg gehen. Das respektiere ich.
Aber trotzdem bleibt bei mir ein sehr bitteres Gefühl.
Dazu kommt ein Punkt, der für unseren Verein ohnehin schon schwierig ist: Wir sind hier in Zittau ein Stück weit abseits von den großen Zentren. Es ist völlig normal, dass viele Jugendliche nach dem Abitur die Stadt verlassen, um zu studieren, eine Ausbildung zu beginnen oder ihren eigenen Weg an einem anderen Ort zu gehen. Damit müssen wir leben. Das gehört zur Realität eines Vereins in unserer Region.
Für unsere Nachwuchsarbeit bedeutet das aber auch: Wenn aus einem Jahrgang am Ende eine Spielerin bleibt, die wirklich langfristig im Verein bleibt und den Weg in die Frauenmannschaft geht, dann ist das oft schon die Ausnahme. Genau deshalb ist jede einzelne Spielerin, die diesen Weg gehen könnte, für uns so wichtig.
Und jetzt erleben wir, dass wir Spielerinnen nicht erst nach dem Abitur verlieren, weil sie Zittau aus persönlichen oder beruflichen Gründen verlassen. Wir verlieren sie schon vorher, an den CVJM Görlitz. Also genau in einer Phase, in der sie bei uns den Übergang von der Jugend in den Erwachsenenbereich schaffen könnten.
Denn aus meiner Sicht geht es hier nicht nur um einzelne Wechsel. Es geht um eine Entwicklung, die viele Vereine in unserer Region betrifft. Der CVJM Görlitz spielt mit seiner ersten Frauenmannschaft in der Regionalliga. Das ist sportlich attraktiv, keine Frage. Aber diese Mannschaft ist aus meiner Sicht nicht das Ergebnis jahrelanger eigener Nachwuchsarbeit. Sie steht dort, weil sich in Görlitz gute Volleyballerinnen gefunden haben und weil gezielt Spielerinnen aus anderen Vereinen der Region angesprochen und abgeworben wurden. Diese Regionalligamannschaft lebt damit zu einem erheblichen Teil von der Ausbildungsarbeit anderer Vereine.
Und genau dieser Punkt stört mich besonders: Es geht dabei nicht nur darum, dass Spielerinnen irgendwann selbst entscheiden, einen neuen sportlichen Weg zu gehen. Spielerinnen aus unserem Verein und aus anderen Vereinen der Region werden aktiv angesprochen und für einen Wechsel gewonnen. Nach dem, was öffentlich kommuniziert wurde, ist genau das sogar Teil der Strategie des CVJM Görlitz, um die eigene Regionalligamannschaft weiterzuentwickeln.
Man kann das aus Sicht eines höherklassigen Vereins vielleicht nachvollziehen. Für die betroffenen Ausbildungsvereine fühlt es sich aber anders an. Denn wir bilden aus, wir bauen auf, wir investieren. Und genau in dem Moment, in dem eine Spielerin im eigenen Verein wichtig werden könnte, wird sie für einen höher spielenden Verein interessant.
Dann fehlt sie nicht nur auf dem Spielfeld. Dann fehlt sie als Vorbild für Jüngere, als Bindeglied zwischen Jugend und Frauenmannschaft, als Zeichen dafür, dass sich Entwicklung im eigenen Verein lohnt.
Mich macht das ehrlich gesagt wütend.
Nicht, weil ich einer Spielerin etwas nicht gönne. Nicht, weil ich sportliche Weiterentwicklung verhindern will. Sondern weil ich das Gefühl habe, dass die Arbeit vieler kleinerer Vereine in der Region zu wenig respektiert wird. Es ist leicht, eine starke Mannschaft zu haben, wenn man regelmäßig Spielerinnen bekommt, die andere Vereine über Jahre ausgebildet haben. Schwerer ist es, diese Spielerinnen selbst aufzubauen, ihnen Zeit zu geben, Fehler auszuhalten und sie Schritt für Schritt an den Erwachsenenbereich heranzuführen.
Genau das machen wir. Und genau darauf war ich immer stolz.
Aber ich muss für mich persönlich inzwischen auch ehrlich sagen: Ich sehe in dieser Entwicklung keinen Sinn mehr.
Ich möchte nicht über Jahre hinweg Nachwuchsarbeit leisten, damit am Ende ein anderer Verein davon profitiert. Ich möchte nicht Spielerinnen ausbilden, begleiten und entwickeln, nur damit sie genau dann gehen, wenn sie für unseren eigenen Verein wichtig werden. Und ich möchte nicht das Gefühl haben, mit meiner Arbeit letztlich die Regionalliga-Mannschaft des CVJM Görlitz mit aufzubauen.
Deshalb werde ich mich aus dem weiblichen Nachwuchsbereich in unserem Verein zurückziehen.
Das ist keine Entscheidung gegen unsere Spielerinnen. Im Gegenteil: Sie alle liegen mir sehr am Herzen. Es ist auch keine Entscheidung aus einem einzelnen enttäuschten Moment heraus. Es ist das Ergebnis einer Entwicklung, die mich zunehmend frustriert und bei der ich für mich keine Perspektive mehr sehe.
Dieser Schritt fällt mir nicht leicht, weil mir die Spielerinnen und die gemeinsame Arbeit immer viel bedeutet haben. Gerade deshalb ist es für mich so bitter, an diesem Punkt angekommen zu sein. Aber ich kann meine Zeit, meine Energie und mein Herzblut nicht weiter in eine Entwicklung investieren, die sich für mich falsch anfühlt.
Bis bald!
Andre
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Kommentar von FloD |
Tja das war doch zu erwarten und absehbar.
Kommentar von Daniela |
Andre du sprichst vielen aus der Seele und macht traurig und wütend. Ihr Trainer gebt alles und seid immer da mit Ideen und vorallem Zeit. Ich finde diese Unehrlichkeit am schlimmsten, denn am Ende kommt eh alles raus. Lass dir den Spaß am Volleyball nicht verderben.
Kommentar von Claudia |
Hallo Andre, deine Worte tun weh, aber sie sind leider so wahr.. Wir haben auch soviele Spieler "verloren" und alle Arbeit die man als Trainer investiert hat, war für unseren eigenen Verein umsonst.
Ich wünsche dir trotzdem alles Gute und verliere aber nicht die Lust am Volleyball selbst
Kommentar von Steffen |
Danke Andre für deinen jahrelangen Einsatz, deine Leidenschaft und die viele Zeit, die du in die Spielerinnen und den Verein investiert hast. Das ist alles andere als selbstverständlich. Wenn diese Arbeit am Ende hauptsächlich anderen Vereinen zugutekommt, ist der Frust absolut verständlich. Nachwuchsarbeit verdient mehr Respekt und Wertschätzung – denn ohne diese engagierte Arbeit gäbe es langfristig keinen erfolgreichen Leistungssport in der Region.